Darlegungserfordernisse bei fahrlässiger Drogenfahrt

Zum Dauerbrenner Drogenfahrt hat das Kammergericht in einem Beschluss vom 22.07.2014 zum Aktenzeichen 3 Ws (B) 332/14 – 162 Ss 91/14 folgendes festgestellt:

1. Für die Annahme eines fahrlässigen Verstoßes gegen § 24 a Abs. 2 StVG, für den die Feststellung eines zeitnahen Konsums von Cannabis nötig  ist, bedarf es einer eingehenden Schilderung der angewandten wissenschaftlichen Methodik unter Mitteilung der hierfür wesentlichen Anknüpfungstatsachen sowie einer Auseinandersetzung mit gegebenenfalls gegen die angewandte Methode vorgebrachten wissenschaftlichen Einwänden, da es sich bei der zeitlichen Rückrechnung in Fällen des Cannabiskonsums bislang um kein anerkanntes standardisiertes Untersuchungsverfahren handelt.

2. Selbst ein nicht als ausgeschlossen erscheinender Konsum von Cannabis etwa 24 Stunden vor der verfahrensgegenständlichen Tat kann aber nicht zweifelsfrei als zeitnah bezeichnet werden.

 

Auf dem Gebiet ist nach wie vor vieles ungeklärt bzw. in Bewegung. Beim Vorwurf von Drogenfahrten lohnt es sich genau zu prüfen und eine Einlassung nicht leichtfertig abzugeben.

 

 

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Kräutermischungen – synthetische Cannabinoide – nicht geringe Menge (ngM)

BGH, Urteil vom 14. Januar 2015 – 1 StR 302/13 – LG Landshut

BtMG § 29a Abs. 1 Nr. 2, § 30 Abs. 1 Nr. 4

1. Die nicht geringe Menge der synthetischen Cannabinoide JWH-018 und CP47,497-C8-Homologes beginnt bei zwei Gramm.
2. Die nicht geringe Menge der synthetischen Cannabinoide JWH-073 und CP47,497 beginnt bei sechs Gramm.

 

Der BGH hat sich in der Entscheidung mit der Bestimmung der nicht geringen Menge sythetischer Cannabinoide in sog. „Legal Highs“ oder auch „Neue psychoaktive Substanzen“ (auch  Kräutermischungen, Badesalze, Räuchermischungen genannt) auseinandergesetzt und diese wie oben genannt bestimmt. Der Entscheidung zugrunde lagen im Ausland gekaufte „Kräutermischungen“ (SenCation Vanilla, SenCation Blackberry, Dream, 69, ChillX, die zum Rauchen gedacht waren und durch die enthaltenen synthetischen Cannabinoide eine bewusstseinserweiternde Wirkung haben.

Die Bestimmung der nicht geringen Menge im Sinne des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) ist ausschlaggebend für die angedrohte Strafhöhe, vgl. § 29a Abs. 1 Nr. 2, § 30 Abs. 1 Nr. 4 BtMG.

Die Entscheidung ist auf der Website des BGH veröffentlicht.

Das Urteil können Sie hier lesen: Synthetische Cannabinoide

Jugendstrafverfahren: Verfahrenshindernis bei unterlassener Mitteilung des wesentlichen Ermittlungsergebnisses in der Anklageschrift bei beantragter Verfahrensverbindun

Das Landgericht Cottbus hat sich in seinem Urteil vom 15.07.2013 zum Aktenzeichen 23 Ns 17/12 mit der Erforderlichkeit der Mitteilung des wesentlichen Ergebnisses der Ermittlungen, § 200 Abs. 2 S. 1 StPO, auseinandergesetzt und festgestellt, dass sich bei fehlender Mitteilung ein Verfahrenshindernis ergeben kann.

Dabei werden sehr instruktiv die Funktion und der notwendige Inhalt der Anklageschrift erörtert.

Aus den Gründen:

Die Anklage vom 28. Dezember 2010 ist, nachdem das Verfahren durch das Jugendschöffengericht übernommen worden war, unwirksam, weil ein fundamentaler Mangel besteht. Es fehlt an den gesetzlichen Voraussetzungen des § 200 Abs. 2 Satz 1 StPO, weil die zwingend vorgeschriebene Wiedergabe des wesentlichen Ergebnisses der Ermittlungen fehlt. Das gesondert darzustellende Ermittlungsergebnis ist grundsätzlich auch dann erforderlich, wenn die Sach- und Rechtslage einfach erscheint. Seine zentrale Bedeutung liegt in der Informationsaufgabe der Anklageschrift.

Die Anklage dokumentiert nämlich den Verfolgungs- und Anklagewillen der Staatsanwaltschaft. Ihre wichtigste Aufgabe besteht darin, durch Beschreibung der zur Aburteilung gestellten Tat den Prozessgegenstand des gerichtlichen Verfahrens festzulegen (Umgrenzungsfunktion). Darüber hinaus vermittelt die Anklage den Verfahrensbeteiligten die für die Durchführung der Hauptverhandlung belangvollen Informationen (Informationsfunktion). Während Mängel bei der Konkretisierung der angeklagten Taten wegen der davon ausgehenden Unklarheit über den Prozessgegenstand naturgemäß stets zur Unwirksamkeit der Anklage und eines auf dieser basierenden Eröffnungsbeschlusses führen müssen, können schlichte Informationsdefizite diese Rechtsfolge allein schon deshalb nicht automatisch auslösen, weil sie im weiteren Verlauf des Verfahrens durch vielfältige Hinweise geheilt werden können, vgl. BGHST 40, 44,45 und überdies von unterschiedlicher Relevanz sein können

In dem hier zur Entscheidung anstehenden Fall liegt zwar, wie bereits oben erwähnt, ein Mangel der Anklage im Hinblick auf die Umgrenzungsfunktion nicht vor. Der Mangel im Hinblick auf die Informationsfunktion der Anklage wurde indes nicht durch Hinweise entsprechend § 265 StPO geheilt und betrifft auch keinen nur unwesentlichen Punkt

Im Rahmen der Informationsfunktion soll die Anklage nämlich den Angeschuldigten in gedrängter Form über den Sachstand, die Beweislage und alle anderen für die Entscheidung relevanten, nach Abschluss des Ermittlungsverfahrens erkennbaren Umstände unterrichten, damit der Angeklagte sich in seiner Verteidigung angemessen und sachgerecht einrichten kann. Zwar müssen die im Anklagesatz enthaltenen Angaben zum Tatgeschehen, sofern sie umfassend vollständig und verständlich sind, nicht wiederholt werden. Indessen müssen die das Tatgeschehen begleitenden Umstände dargestellt werden, sofern sie zum besseren Verständnis der Tatzusammenhänge notwendig sind. Zudem ist besonderer Wert auf die Darlegung und Bewertung der Beweisgründe zu legen, insbesondere dann, wenn die Angeschuldigten, wie hier auch, sich gerade nicht geständig einlassen. Erst durch die Kenntnis der Beweisgründe, die dem Angeschuldigten die Möglichkeit zu einer realistischen Einschätzung der Beweislage und einer präzisen Plausibilitätsprüfung vermittelt, durch welche Umstände die Staatsanwaltschaft seine Überführung erreichen will, wird der Angeschuldigte nämlich in die Lage versetzt, sich sachgerecht zu verteidigen, vgl. OLG Düsseldorf in NStZ–RR 1997, 109 m. w. N. Neben Ausführungen zum Vorliegen gesetzlich benannter Strafschärfungs- oder Strafmilderungsgründe gehört in das wesentliche Ergebnis der Ermittlungen alles, was nach Meinung der Staatsanwaltschaft in Bezug auf die Festsetzung der Rechtsfolgen in der Anklageschrift erörtert werden soll. Nach RiStBV 110 Abs. 2 Buchstabe g sollen insbesondere alle Umstände angegeben werden, die für die Strafzumessung, die Strafaussetzung zur Bewährung, die Verwarnung mit Strafvorbehalt, das Absehen von Strafe, Nebenstrafen und Nebenfolgen von Bedeutung sein können; ggf. können auch strafzumessungsrelevante frühere Taten aufgeführt werden (vgl. BGH StV 1994, 423; NStZ RR 1997, 130). Im Verfahren gegen Jugendliche und Heranwachsende sind weiterhin Fragen der strafrechtlichen Verantwortlichkeit und Reife, §§ 3, 105 JGG zu erörtern.

2.

Zwar kann nach § 200 Abs. 2 Satz 2 StPO von der Darstellung des wesentlichen Ergebnisses der Ermittlungen dann abgesehen werden, wenn die Anklage zum Strafrichter erhoben wird; hier entsprechend anwendbar auf die Anklage vor dem Jugendrichter. Nach der RiStBV 112 Abs. 1 soll hiervon jedoch kein Gebrauch gemacht werden, wenn die Sach- oder Rechtslage Schwierigkeiten bietet. Zwar verzichtet die Praxis in Strafrichter/Jugendrichtersachen weitestgehend auf die Fertigung eines wesentlichen Ermittlungsergebnisses. Dies ist insbesondere in Fällen der Anklage gegen jugendliche Angeschuldigte aber nicht unproblematisch und vor allem im Hinblick auf den Angeklagten …, nicht sachgerecht. Hier hatte die Staatsanwaltschaft nämlich bereits mit ihrer Anklage beantragt, dieses Verfahren mit dem bereits gerichtsanhängigen Verfahren zur gemeinsamen Verhandlung und Entscheidung zu verbinden.

3.

  • Zwar konnte die Staatsanwaltschaft zunächst auf die Darstellung des wesentlichen Ergebnisses der Ermittlungen rein formal nach § 200 Abs. 2 Satz 2 StPO, § 2 Abs. 2 JGG verzichten. Nachdem aber der Jugendrichter des Amtsgerichts Cottbus diese Anklage zur Hauptverhandlung zugelassen und das Hauptverfahren gegen die Angeklagten eröffnet hatte; mithin auch ein wirksamer Eröffnungsbeschluss vorlag, hätte es aber nach Vorlage an das Jugendschöffengericht gemäß §§ 270 Abs. 1, 209 a Nr. 2 StPO der Mitteilung des wesentlichen Ermittlungsergebnisses bedurft. Bis zur Übernahme des Verfahrens durch das Jugendschöffengericht hätte unter gebotener Berücksichtigung des rechtlichen Gehörs der Angeklagten das wesentliche Ergebnis der durchgeführten Ermittlungen dargestellt werden müssen, § 200 Abs. 2 Satz 1 StPO, § 2 Abs. 2 JGG. Nur so kann sich nämlich der Angeklagte genügend auf seine Verteidigung gegenüber dem Anklagevorwurf vorbereiten
  • 4.
    Soweit die Staatsanwaltschaft unter Hinweis auf das Urteil des Bundesgerichtshofes vom 25. Januar 1995 zum Az. 3 StR 448/94, veröffentlicht in NStZ 1995, 297, meint, ein unbehebbares Verfahrenshindernis läge nicht vor, liegt der hier zur Entscheidung anstehende Fall anders; die Entscheidung des BGH kann deshalb nicht präjudizierend sein. Es geht nämlich nicht, wie in dem durch den BGH zu entscheidenden Fall, um eine wie auch immer geartete Unvollständigkeit des wesentlichen Ergebnisses der Ermittlungen; vielmehr fehlt in dem zur Entscheidung hier anstehenden Fall die Wiedergabe des wesentlichen Ermittlungsergebnisses völlig.

  • a) Zwar kann ein Sachverhalt derart einfach und klar gelagert sein, dass sich das Erfordernis einer Darstellung der Beweissituation, einer Beweiswürdigung und anschließenden Subsumtion im Einzelfall auf ein Minimum beschränkt, weil unter sachgerechter und zweckmäßiger Berücksichtigung prozessökonomischer Gesichtspunkte keine überspannten und nur an formaljuristischen Belangen orientierten Anforderungen an die auch an praktischen Notwendigkeiten auszurichtende Anklageverfassung gestellt werden sollen. Insbesondere dann, wenn der Angeschuldigte im vollen Umfang geständig ist und daher kein den Grundsatz des rechtlichen Gehörs gewährleistender Zwang zur Wiedergabe des wesentlichen Ermittlungsergebnisses bestehen kann, reduziert sich die Informationsfunktion der Anklageschrift auf Null. Im vorliegenden Fall liegt eine derartige Konstellation aber nicht vor. Nach dem bisherigen Ermittlungsstand ist die Beweislage gerade nicht eindeutig. So vermochte lediglich der Geschädigte eine mäßig detaillierte Personenbeschreibung der Täter abzugeben. Zwar wurden die Angeklagten nach Lage der Akten vom Geschädigten im Krankenhaus spontan wiedererkannt, indes darf im Rahmen der vorzunehmenden Beweiswürdigung ein möglicher Suggestionseffekt nicht außer Betracht bleiben. Aus welchen Gründen die Staatsanwaltschaft dennoch davon ausgeht, dass die Angeklagten der ihnen vorgeworfenen Taten hinreichend verdächtig sind, ist gerade auch vor dem Hintergrund der sachgerechten Verteidigung mitzuteilen

b) Zwar hätte dieser Mangel des fehlenden Ermittlungsergebnisses noch in den Gründen des Übernahmebeschlusses geheilt werden können. Gerade dies ist hier aber nicht erfolgt.

Weder findet sich darin eine vorläufige Beweiswürdigung, noch ist daraus zu erkennen, aus welchen konkreten Gründen bei vorläufiger Tatbewertung die Wahrscheinlichkeit der späteren Verurteilung besteht, welche konkreten Vorbelastungen des Angeklagten … die Verhängung einer Jugendstrafe nicht ausschließen lassen, warum gerade die Verhängung von Erziehungsmittel oder Zuchtmittel bei den Angeklagten nicht als ausreichend erscheint, und aus welchen Gründen nach § 17 Abs. 2 JGG bei beiden Angeklagten die Verhängung einer Jugendstrafe nicht auszuschließen ist.

Volltext der Entscheidung

Jugendstrafvollzugsgesetz des Landes Berlin vom 15.12.2007

Im Jugendstrafvollzugsgesetz ist geregelt, wie der Vollzug einer Jugendstrafe abzulaufen hat. Darin finden sich zum Beispiel Bestimmungen zum Aufbau eine Jugestrafanstalt, der Vollzugplanung, aber auch zu Sport und Freizeit, sowie Besuch des Inhaftierten. Grob gesagt sind dort die Rechte der Anstalt und der Inhaftierten geregelt.

 

Jugendstrafvollzugsgesetz Berlin vom 15.12.2007

Vorsätzliche Geschwindigkeitsüberschreitung

Wer kennt das nicht: Geblitzt und dabei ganz schön zügig unterwegs gewesen. Wie schnell durfte man eigentlich fahren? Standen da tatsächlich Schilder? Die Höhe der Strafe richtet sich danach, ob die Geschwindigkeitsüberschreitung vorsätzlich begangen wurde oder fahrlässig. Dazu hat das Kammergericht folgendes entschieden:

KG, Beschluss v. 25.03.2015 – Az. 3 Ws (B) 19/15, 3 Ws (B) 19/15 – 162 Ss 4/15

Leitsatz

1. Die Annahme des Tatgerichts einer vorsätzlichen Geschwindigkeitsüberschreitung bei einer über 40% Überschreitung der zulässigen innerörtlichen Höchstgeschwindigkeit ist nicht zu beanstanden.

2. Der Zeitraum zwischen dem angefochtenen Urteil und der Entscheidung des Rechtsbeschwerdegerichts bleibt bei der Prüfung, ob wegen Zeitablaufs von dem Verhängen eines Regelfahrverbotes abzusehen ist, grundsätzlich unberücksichtigt (im Anschluss an den Beschluss des Senates vom 2. September 2009 – 3 ARs 11/09). Maßgeblich ist die verstrichene Zeit zwischen Tatbegehung und dem erstinstanzlichen Urteil.

Aus den Gründen:

Bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung handelt vorsätzlich, wer die Geschwindigkeitsbeschränkung kannte und bewusst dagegen verstoßen hat (OLG Bamberg, Beschluss vom 26. April 2013 – 2 Ss OWi 349/13 -, Rn. 20, juris). Der Grad der Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit kann ein starkes Indiz für vorsätzliches Handeln sein, wobei es auf das Verhältnis zwischen der gefahrenen und der vorgeschriebenen Geschwindigkeit ankommt (Senat, Beschluss vom 21. Juni 2004 – 3 Ws (B) 186/04 -, NZV 2004, 598). Die Betroffene kannte hier die zulässige Höchstgeschwindigkeit, weil sie durch das entsprechende Verkehrszeichen ausgewiesen war. Die Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h um 34 km/h und damit um 42,5 % war erheblich. Nach der ständigen Rechtsprechung des Senats ist von dem Erfahrungssatz auszugehen, dass einer Fahrzeugführerin die erhebliche Überschreitung der zulässigen Geschwindigkeit aufgrund der Fahrgeräusche und der vorüberziehenden Umgebung jedenfalls dann nicht verborgen bleibt, wenn die zulässige Höchstgeschwindigkeit – wie hier – um mehr als 40 % überschritten wird (Beschluss vom 28. Januar 2009 – 3 Ws (B) 39/09 -).

Volltext der Entscheidung

Untersuchungshaftanordnung: Erforderlichkeit einer Entscheidung über die Anwendbarkeit von allgemeinem Strafrecht oder Jugendstrafrecht

Untersuchungshaftanordnung: Erforderlichkeit einer Entscheidung über die Anwendbarkeit von allgemeinem Strafrecht oder Jugendstrafrecht; Nichteinholung der Stellungnahme der Jugendgerichtshilfe

KG, Beschluss v. 22.05.2014 – Az. 4 Ws 48/14, 4 Ws 48/14 – 141 AR 255/14

Leitsatz

1. Die Erwartung einer hohen, Fluchtanreiz bietenden Freiheitsstrafe ist eine „bestimmte Tatsache“ im Sinne des § 112 Abs. 2 StPO, für deren Vorliegen – soll die Haftanordnung darauf gestützt werden – eine hohe Wahrscheinlichkeit gegeben sein muss. Angesichts der ganz unterschiedlichen Kriterien für die Bemessung von Freiheitsstrafe einerseits und Jugendstrafe andererseits kann (auch) für die Haftentscheidung nicht offen bleiben, ob die Straftat des Angeklagten nach allgemeinem Strafrecht zu beurteilen seien oder aber das Jugendstrafrecht auf ihn Anwendung finden wird. Es ist unzulässig, diese Frage erst im Rahmen der Hauptverhandlung zu prüfen und die Anwendung des allgemeinen Strafrechts zugrunde zu legen, weil hierdurch eine für die Haftanordnung wesentliche Tatsachengrundlage zunächst ohne Prüfung zu Lasten des Angeklagten gleichsam unterstellt würde.

2. Es bleibt offen, ob allein schon die Missachtung des in § 72a JGG enthaltenen Gesetzesbefehls Folgen für die Fortdauer der Untersuchungshaft haben könnte.

Langtext der Entscheidung

Jugendstrafverfahren: Vertretung von Erziehungsberechtigten und gesetzlichen Vertretern in der Hauptverhandlung

Das Kammergericht hat sich mit der Frage befasst, ob sich die Mutter eines Angeklagten in Hauptverhandlung gegen ihr Kind durch eine andere Person vertreten lassen kann, weil sie verhindert war. Erziehungsberechtigte und gesetzliche Vertreter nehmen im Jugendstrafverfahren eine besondere Rolle ein: Das Verfahren ist grundsätzlich nicht öffentlich, die Eltern und gesetzlichen Vertreter dürfen jedoch an der Verhandlung teilnehmen und haben besondere Rechte.

KG, Beschluss v. 14.05.2014  – Az. 4 Ws 33/14, 4 Ws 33/14 – 141 AR 235/14

Leitsatz:
Eine Vertretung von Erziehungsberechtigten und gesetzlichen Vertretern bei der Wahrnehmung der gesetzlichen Rechte aus § 67 JGG in der Hauptverhandlung ist unzulässig, weil § 67 JGG gerade auf deren persönliche Mitwirkung abzielt.

Tenor:

Die Beschwerde der gesetzlichen Vertreterin des Angeklagten gegen die Verfügung des Vorsitzenden der Jugendkammer vom 24. April 2014 wird auf ihre Kosten (§ 473 Abs. 1 Satz 1 StPO) verworfen.

Der Kammervorsitzende hat das Begehren der erziehungsberechtigten Mutter des Angeklagten, die nicht persönlich an der Hauptverhandlung teilnehmen möchte, Rechtsanwalt A als ihrem Vertreter die Anwesenheit in der nichtöffentlichen Hauptverhandlung zu gestatten, zu Recht abgelehnt.

Erziehungsberechtigte und gesetzliche Vertreter können sich in der Hauptverhandlung – soweit es nicht um die im gesetzlichen Rahmen zulässige Tätigkeit eines beauftragten Verteidigers geht – in der Wahrnehmung ihrer Rechte aus § 67 JGG nicht durch Dritte wirksam vertreten lassen, weil dies im Gesetz nicht vorgesehen und mit der Aufgabenstellung einer persönlichen Betreuung unvereinbar ist (vgl. BGH RdJ 1961, 313; Sommerfeld in Ostendorf, JGG 9. Aufl., § 67 Rn. 14; Schatz in Diemer/Schatz/Sonnen, JGG 6. Aufl., § 67 Rn. 17; Brunner/Dölling, JGG 12. Aufl., § 67 Rn. 2a; Trüg in NK-JGG 2. Aufl., § 67 Rn. 7; Eisenberg, JGG 17. Aufl., § 67 Rn. 7). Aus der Regelung in § 67 Abs. 3 JGG, wonach der gesetzliche Vertreter zur Wahl eines Verteidigers berechtigt ist, kann nicht der Schluss gezogen werden, es könne auch eine andere Person als Vertreter gewählt werden (vgl. Kohlhaas in RdJ 1961, 314). Nach dem Sinn und Zweck des Jugendstrafverfahrens kommt es vielmehr auf die persönliche Mitwirkung der Erziehungsberechtigten und gesetzlichen Vertreter an (vgl. Schatz aaO); die diesen zukommende enge Verbindung zu dem Jugendlichen haben fremde Personen gerade nicht (vgl. Kohlhaas aaO).

Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin ist der Rechtsordnung kein allgemeines Recht des Erziehungsberechtigten zu entnehmen, sich in einer jugendrichterlichen Hauptverhandlung eines anwaltlichen Beistands zu bedienen oder gar anwaltlich vertreten zu lassen. Es liegt fern anzunehmen, dass der Gesetzgeber mit den vorhandenen gesetzlichen Regelungen über die Zulässigkeit einer Vertretung bestimmter Verfahrensbeteiligter und/oder Zulassung von Beiständen (s. §§ 378, 406f, 406g, 68b StPO) keine bewusste Auswahl getroffen habe, sodass auch Beteiligten, für die keine solche Bestimmungen bestehen, diese Rechte zustünden, weil nach Ansicht der Beschwerdeführerin „nicht einsichtig (sei), weshalb allein wegen Fehlens einer ausdrücklichen Regelung das Recht auf anwaltlichen Beistand entzogen sein sollte“ (Hervorhebung durch den Senat).

Soweit die Beschwerdeführerin meint, es lasse sich nicht sachlich begründen, dass ein Erziehungsberechtigter zwar außerhalb der Hauptverhandlung den Rat und Beistand eines Rechtsanwalts in Anspruch nehmen kann, nicht aber in derselben, ist diese Differenzierung in § 48 JGG begründet, der entgegen der offenbar bestehenden Ansicht der Beschwerdeführerin nicht zur Disposition des jugendlichen Angeklagten steht (vgl. nur Schady in Ostendorf aaO, § 48 Rn. 15). Die Hauptverhandlung gegen Jugendliche findet nichtöffentlich statt, die Anwesenheitsberechtigten und die Zulassung anderer Personen sind in der genannten Norm abschließend geregelt. Soweit der Kammervorsitzende seine Entscheidung auch auf diese gesetzliche Bestimmung gestützt und die begehrte Anwesenheit von Rechtsanwalt A an der Regelung des § 48 Abs. 2 Satz 3 JGG gemessen hat, fehlt es dem Rechtsmittel mangels subjektiven Rechts und Beschwerdebefugnis schon an der Zulässigkeit (vgl. Senat StV 2007, 4; Schady aaO, Rn. 20; Brunner/Dölling aaO, § 48 Rn. 21a; Schatz aaO, § 48 Rn. 39; Trüg aaO, § 48 Rn. 21). Gegen diese einfachrechtliche Auslegung hat auch das BVerfG keine Einwendungen erkennen lassen (vgl. Beschluss vom 14. Oktober 2009 – 1 BvR 2436/09 – [juris]).

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